Totale Überwachung


483 Seiten in 2 Tagen. Selten lese ich ein Buch bis zum Ende. Noch seltener gelingt es mir, ein Buch in 2 oder 3 Tagen zu verschlingen. In letzter Zeit waren es nur 3 - „Konklave“ von Robert Harris und „Helix“ und „Zero“ von Marc Elsberg. Marc Elsberg schreibt Thriller, die sich mit den Folgen moderner Technologien befassen. In seinem Buch Helix beschreibt Marc Elsberg Genmanipulationen und deren mögliche negativen Folgen. Zero ist dagegen der lückenlosen Überwachung, Sammlung und Ausnutzung privater Benutzerdaten und Beeinflussung des Menschen durch künstliche Intelligenz gewidmet. Marc Elsberg mischt diese Themen geschickt zusammen und verpackt sie in einen spannenden Thriller. Der Leser dieses Buches erfährt vieles über die aktuellen Möglichkeiten der digitalen Technologie und wird dabei gut unterhalten. Das Rezept von Marc Elsberg, auf eine unterhaltsame Art und Weise die Gefahren neuer Technologien aufzuzeigen, ermöglicht ihm eine breitere Leserschaft anzusprechen. Viele Leser von Zero werden sich wahrscheinlich nur ungern Vorträge von Wissenschaftlern anschauen, die vor den negativen Folgen der neuen Technologien warnen. Ein spannender Thriller, der dieselbe Warnung sehr plastisch darstellt, ist eine viel angenehmere Art, sich mit diesem Thema zu auseinanderzusetzen.

Was droht uns also demnächst? Marc Elsberg skizziert eine nahe Zukunft der totalen Überwachung. Alle Menschen werden durch die staatlichen Akteure rund um die Uhr überwacht. Unzählige Kameras in den Städten (auf die sich Geheimdienste problemlos Zugriff verschaffen) folgen uns auf Schritt und Tritt. Unsere Smartphones und soziale Medien liefern weitere unzählige Informationen über uns. Diese Fülle an Information kann kein Mensch mehr sinnvoll verarbeiten und auswerten. Die echte Gefahr sind die intelligenten Algorithmen, die blitzartig diese Flut an Information über uns sortierten, analysieren und nach definiertem Muster auswerten können. 

Es gibt auch weitere Akteure, die Zugriff auf diese Information haben und sie für eigene Interessen nutzen können. In Gegensatz zu Geheimdiensten, die sich den Zugriff auf diese Information ohne um Erlaubnis verschaffen können, fragen uns meistens die Betreiber sozialer Netzwerke oder anderer Dienste, ob wir mit der Verarbeitung unserer Daten einverstanden sind. Sehr viele von uns stimmen zu, weil man die Apps als nützlich betrachtet. Was dann wirklich mit unseren Daten passiert ist hinter dem Schleier der üblichen Floskeln des Betreibers versteckt. Wie z.B. „Wir verarbeiten Ihre Daten mit besonderer Sorgfalt und schützen sie vor den unbefugten Zugriff durch Dritte“.

Benutzer können diesen Behauptungen nun vertrauen oder auch nicht. Wir haben so gut wie keine Möglichkeit diese Aussagen zu kontrollieren oder zu überprüfen, was wirklich mit unseren Daten gemacht wird und wie sie tatsächlich gegen den Zugriff durch unbefugte Dritte (z.B. staatliche Organisationen) geschützt sind. Ein Schritt in die richtige Richtung sind gesetzliche Auflagen für die Verarbeitung von personenbezogenen Daten, wie unter anderem die DSGVO. Dieses Gesetz gibt uns das Recht über die Verarbeitung personenbezogener Daten zu entscheiden. Leider stehen wir mit unserem Recht ziemlich allein den übermächtigen Internet-Konzernen gegenüber und haben kaum Chancen unser Recht gegen die Interessen dieser Konzerne durchzusetzen.

Inzwischen sogar die US-Amerikaner sind besorgt über die ausufernde Überwachung. New York Times hat herausgefunden, dass man sogar die anonymen Bewegungsdaten (GPS) sehr einer konkreten Person zuordnen kann. New York Times beschreibt die aktuelle Situation sehr treffend:

„We are living in the world’s most advanced surveillance system. This system wasn’t created deliberately. It was built through the interplay of technological advance and the profit motive. It was built to make money. The greatest trick technology companies ever played was persuading society to surveil itself.“

Marc Elsberg beschreibt noch eine andere Art der totalen Überwachung. Es sind die vielen Benutzer der sozialen Netzwerke oder anderer Internetdienste, die uns Folgen und in manchen Fällen auch denunzieren können. Mit der Verbreitung von Gesichtserkennung und Augmented Reality - d.h. intelligenter Brillen, welche Informationen über Objekte liefern, die wir gerade betrachten - kann jeder Nutzer dieser Technologien zu einem potentiellen Überwacher werden. Jederzeit werden wir im öffentlichen Raum durch unzählige private und behördliche Kameras überwacht. Aber auch jeder Passant mit einer intelligenten Brille kann aktiv Informationen sammeln und sie automatisch auswerten. Somit wird jeder von uns durch ein Netzwerk von Menschen überwacht, ohne es zu wissen. 

Eine weitere Herausforderung stellen die intelligenten Apps dar. Solche Apps sammeln Unmengen an Daten über uns und werten sie aus. Sie können uns sehr nützliche Vorschläge für unser Leben liefern, z.B. über unsere Gesundheit oder Fitness. Da solche Apps sehr viel über unsere Emotionen, Vorlieben und Neigungen wissen, sind sie auch imstande unser Verhalten vorherzusagen. Das heißt sie können mit bestimmter Wahrscheinlich berechnen, wie wir uns in gewissen Situationen verhalten werden. Mit diesem Wissen können sie aber auch sehr leicht unser Verhalten manipulieren. Auch hier wissen wir nicht, wie die Algorithmen, die uns die hilfreichen Ratschläge geben, funktionieren. Die Betreiber liefern keine Informationen darüber und behaupten, es sei ihr geistliches Eigentum.

Intelligente Apps, Augmented Reality, Künstliche Intelligenz und eine Unmenge von diversen Sensoren sind neue Herausforderungen des digitalen Zeitalters. Diese Technologien können uns in sehr vielen Aspekten helfen unser Leben zu verbessern. Sie können aber auch gegen uns verwendet werden. Entweder durch diktatorische Regime oder gierige Unternehmen, die uns mehr oder weniger versklaven. Yuval Harari, der vor Technologien warnt, die den Menschen hacken können, zeigt folgendes Horrorszenario. Stellen sie sich vor, dass Nordkorea über eine Technologie verfügt, die Ihre Emotionen kontrollieren kann. Diese Technologie misst, ob Ihre Begeisterung während der Ansprache des „geliebten“ Führers wirklich echt ist oder nur gespielt. Wenn die App erkennt, dass sie nur äußerlich die Zustimmung zeigen, ist die Überweisung in ein Umerziehungslager schon in die Wege geleitet. Eine solche Technologie wird schon bald Realität werden. Ein schreckliches Szenario, das sogar Orwell's Vorstellung im „1984“ bei weitem übertrifft.

Was sollen wir in dieser Situation tun? Verzichten kann man auf die Nutzung moderner Technologien in einer Ära der Digitalisierung kaum. Den Fortschritt zu stoppen ist auch nicht mehr möglich. Michal Kosinski, Professor an der Stanford Universität, meint, dass unsere Privatsphäre schon verloren ist. Michal Kosinski zeigt, dass schon mit einigen wenigen „Likes“ künstliche Intelligenz sehr genaue Einschätzung einer Person möglich macht.

Es gibt keine Chance, die Unmengen privater Information, die überall über uns gesammelt werden, zu stoppen. Wir müssen uns also darauf konzentrieren, was mit diesen Daten passiert und wie sie verarbeitet werden. Wir müssen Betreiber zwingen, ihre Algorithmen und Verarbeitungsmethoden transparent zu machen. Wir müssen kontrollieren, was hinter dem Vorhang mit unseren Daten geschieht. Das können wir nur durch öffentlichen Druck und Regulierung erreichen. Ja, digitale Wirtschaft muss reguliert werden so wie die Lebensmittel oder Pharmaindustrie. Regulierungsorgane müssen Auflagen definieren, an die sich die Verarbeitung unserer Daten zu richten hat. Diese Organe müssen auch das Recht erhalten, wirkliche Kontrollen durchzuführen.

In Deutschland aber auch innerhalb der EU gibt schon eine ernsthafte Diskussion über solche regulativen Maßnahmen.  Ein Konzept einer „vertrauenswürdiger KI“ wird skizziert. Paul Nemitz, Chefberater der Generaldirektion für Recht und Verbraucherschutz bei der Brüsseler Regierungseinrichtung sprach vor kurzem auf einem  Symposium der Datenschutzkonferenz von Bund und Ländern zum Thema "Künstliche Intelligenz über dem geplanten Weißbuchs der EU-Kommission für einen KI-Rahmen.

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